Früher war alles besser. Alles? Nein, sicher nicht, sieht man deutlich auf Darchingers Fotos aus dem Zeitraum 1952-1967. Einer Zeit des Wiederaufbaus, bitterer Armut und verhaltenen Wohlstands, des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umbruchs, zusammengefasst der Wirtschaftswunder-Zeit.
Drei große Themengebiete strukturieren das Buch: Familienleben, Wirtschaft, Politik.
Darchinger zeichnet mit seinen Fotos ein ausgesprochen vielfältiges Bild der jungen Bundesrepublik.
So gewährt ihm sein Status als Spiegel-Fotograf Einblicke in die Welt der bundesrepublikanischen Spitzenpolitik oder der wirtschaftlichen Führungselite. Er kam also ganz nah ran, bewahrt auf seinen Fotos aber immer einen angenehme Distanz zu seinen Sujets. Hier findet man keine simplifizierenden Ganz-nah-dran-Fotos, klamaukig spektakuläre Bildaufbauten oder emotional überfrachtete Aufnahmen, wie sie heutzutage üblich sind.
Auch das Alltagsleben der Arbeiter, Angestellten, der Kinder und der Familien wird zwar konzentriert, aber niemals vereinfacht wiedergegeben. Und hier beweist Darchinger sein fotografisches Gespür: unsere Welt kann nur fragmentarisch durch einmalige Decisive-Moment-Fotos dokumentiert werden; langfristig aussagekräftiger sind die unaufgeregten, ruhigen Aufnahmen der Dauerzustände unseres Alltagslebens.
Resümee: Früher war vieles schlechter, aber Darchingers dokumentarisch-fotografischer Blick auf das spektakulär Unspektakuläre war erheblich besser als der Blick vieler aktueller fotografischer Zeitchronisten.
Wirtschaftswunder ist mein Fotobuch des Jahres 2008, unbedingt empfehlenswert.
Kay
Wirtschaftswunder, Josef Heinrich Darchinger 2008
288 Seiten, Taschen-Verlag, 29,99 €
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