Düsseldorf/Aktuell


 

Tausendfüßler


Anläßlich des ersten Spatenstichs für den Kö-Bogen in Düsseldorf präsentierte Daniel Libeskind der Öffentlichkeit vor 3 Wochen seinen Entwurf zur Bebauung des Jan-Wellem-Platzes, ein zentral in der City am nördlichen Ende der Königsallee und am südlichen Ende des Hofgartens gelegenen Platzes, der seit Jahrzehnten als Straßenbahn- und Busbahnhof genutzt wird.
Der zugrunde liegende städtebauliche Neuordnungsplan für diesen Platz sieht eine fußgängerfreundliche Verbindung des bislang durch den Bahnhof und Straßen abgeschnittenen Hofgartens zur Königsallee vor.
Libeskinds Bebauungsentwurf nimmt diesen vermittelnden Charakter des Platzes ästhetisch auf, indem er drei wichtige, das Bild des dortigen Stadtraums im wesentlichen bestimmende optische Momente -die Glasfassade des Dreischeibenhauses, die geschwungene Architektur des Schauspielhauses und das Grün des Hofgartens- in seinem Gebäude namens Kö-Bogen kombiniert.
Sowohl der Straßenbahn- als auch der Autoverkehr werden zukünftig durch Tunnel unterhalb des Platzes geleitet und damit komme ich zum eigentlichen Thema des Artikels: dem Tausendfüßler.

Die aufgrund ihrer vielen Stützen von den Düsseldorfern als Tausendfüßler* bezeichnete 500m lange gegabelte Hochstraße neben dem Jan-Wellem-Platz soll nach Fertigstellung des Autotunnels trotz bestehenden Denkmalschutzes abgerissen werden.
Geplant und erbaut wurde der Tausendfüßler 1962 im Rahmen der Umstrukturierung Düsseldorfs zu einer autogerechten Stadt durch den damaligen Baudezernenten Friedrich Tamms, dem die Stadt auch die wunderschöne innerstädtische Brückenfamilie, das leider abgerissene Rheinstadion, aber auch breite, den ehemals bestehenden städtischen Wohnraum zerstörende Durchgangsstraßen, wie z.B. die Berliner Allee, in die der Tausendfüßler mündet, zu verdanken hat.
Isoliert betrachtet kann die Architektur des Tausendfüßlers aufgrund ihrer Leichtigkeit und Eleganz als sehr gelungen bezeichnet werden, innerhalb des umgebenden Stadtraums wirkt er eher sperrig und als optische Grenze zwischen der Schadowstraße und dem Schadow- bzw Jan-Wellem-Platz, zusammen mit dem benachbarten und ungefähr zur gleichen Zeit errichteten Thyssen-Hochhaus und  dem etwas jüngeren Schauspielhaus ergibt sich aber ein beispielhaftes Ensemble qualitativ hochwertiger Nachkriegsarchitektur auf engstem Raum.

Verkehrstechnisch bald überflüssig, stadt- und architekturgeschichtlich aber hochinteressant hat sich der Tausendfüßler zu einem Düsseldorfer Politikum entwickelt, um den sich der Stadtrat, Bürgerinitiativen und Künstlergruppen seit 3 Jahren zanken.
Die Stadtregierung will ihn abreißen lassen, die Bürgerinitiativen und Künstler wollen ihn bewahren.
Über die zukünftige Funktion der Hochstraße sind sich die Gegner des Abrisses allerdings nicht ganz einig; die prominenteste und größte Anti-Abriß-Gruppierung Lott stonn! will auch weiterhin mit dem Auto über den Tausendfüßler fahren, andere Gruppen schlagen eine Umnutzung, z.B. als Fußgängerpromenade** vor.

Der Lott-stonn-Initiative mit ihrem Wunsch der weiteren Autoverkehrsnutzung des Tausendfüßlers kann ich mich nicht anschließen; der Individualautoverkehr muß in unseren Städten eingeschränkt werden, der Durchgangsverkehr sollte möglichst unterirdisch geführt werden, um die innerstädtische Lebensqualität zu steigern.
Wesentlich sympathischer ist mir die Idee einer Umfunktionierung des Tausendfüßlers zu einer Fußgängerpromenade. Allerdings sollte der auf der Tausendfüßler-Promenade lustwandelnde Flaneur immer an die ehemalige Funktion dieser Hochstraße gemahnt werden, indem man auf den ehemaligen Fahrspuren dicht an dicht ein paar Hundert Abwrackautos fixiert, die dort langsam vor sich hin rosten dürfen.
Gleichzeitig würde innerhalb oder besser oberhalb dieses extrem konsumorientierten Innenstadtbereichs (Königsallee, Schadowstraße) für die geneigten Fußgänger ein Ort der Kontemplation und in Anbetracht der vor sich hin rostenden heiligen Konsumkühe hoffentlich auch ein Ort der Besinnung geschaffen.

* Der gemeine Düsseldorfer neigt im allgemeinen zur Übertreibung. Tatsächlich ruht der Tausendfüßler nicht auf 1000, sondern lediglich auf 20 Stützen.

** Ein sehr gelungenes Beispiel für die Umnutzung obsoleter innerstädtischer Verkehrswege ist die in Paris auf einer stillgelegten Hochbahntrasse angelegte Promenade plantée.

Links:

Tausendfüßler: http://de.wikipedia.org/wiki/Tausendf%C3%BC%C3%9Fler_%28D%C3%BCsseldorf%29

Städtebauliche Neuordnung Nordende Königsallee/Jan-Wellem-Platz: http://www.duesseldorf.de/planung/stadtentw/entwicklungsgeb/koebogen/index.shtml

Daniel Libeskind: http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Libeskind

Kö-Bogen: http://www.daniel-libeskind.com/projects/show-all/koe-bogen-duesseldorf/

Das Stadtplanungskonzept der “autogerechten Stadt”: http://de.wikipedia.org/wiki/Autogerechte_Stadt

Friedrich Tamms: http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Tamms

Künstlerinitiative gegen den Abriß des Tausendfüßlers: http://www.mitohne.de/index.htm

Initiative des rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftschutz e.V. “Lott stonn!” gegen den Abriß: http://www.pixelitohosting.com/hosting/lott-stonn/

Bürgerinitiative gegen den Abriß: http://www.unser-jan-wellem-platz.de/

Promenade plantée: http://www.promenade-plantee.org/

Fotos des Tausendfüßlers, des Jan-Wellem-Platzes und des umliegenden Stadtraums