Der Protest der Bürgerinitiative Lott-stonn! gegen den Abriß des Tausendfüßlers war kaum verhallt, da formierte sich zum Jahresbeginn eine neue Front engagierter Düsseldorfer Bürger gegen einen wesentlich tiefgreifenderen Umgestaltungsplan der Stadtoberen: alle Gaslaternen sollten gegen moderne LED-Leuchten ausgetauscht werden.
| INFO |
|
Nach Berlin mit 44 000 Gaslaternen (20% aller Berliner Straßenlaternen) besitzt Düsseldorf mit 17 000 Gaslaternen das zweitgrößte Gaslaternennetz weltweit. |
Im Gegensatz zu der Lott-stonn!-Bewegung könnte diesmal die Bürgerinitiative Düsseldorfer-Pro-Gaslicht* zumindest einen Teilerfolg verbuchen, da der Stadtrat aufgrund des massiven Widerstands von seinen ursprünglichen Plänen abrückte und sich kompromißbereit zeigt:
das Gaslaternen-Modell Alt-Düsseldorf aus der Gründerzeit (4334 Laternen) und die 200 Frankfurt-Laternen im Hofgarten sollen auch weiterhin mit Gas betrieben werden, die Ansatz- und Aufsatzleuchten aus den 30er Jahren (9973 Exemplare) auf LED-Technik umgerüstet und die 3100 Exemplare der Reihenleuchte aus den 50ern komplett demontiert und durch moderne LED-Laternen ersetzt werden.
Düsseldorfer-Pro-Gaslicht ist das zu wenig, vergangenen Montag übergab Gabriele Henkel im Namen der Initiative Oberbürgermeister Dirk Elbers eine Resolution, in der die Bürgerinitiative fordert, das gesamte Düsseldorfer Gaslaternennetz unter Denkmalschutz zu stellen, langfristig soll sogar die Aufnahme in die Weltkulturerbeliste angestrebt werden.
Emotion und Tradition gegen Fortschritt und Effizienz, gute Argumente haben beide Lager zu bieten:
Pro LED
Der Wirkungsgrad einer LED-Lampe ist um ein Vielfaches höher als der einer Gaslaterne, sprich: sie sind trotz niedrigerer Leistungsaufnahme viel heller
Die Ökobilanz der LED-Lampen ist aufgrund ihres niedrigeren Energieverbrauchs besser als die der Gaslaterne
Die Wartungskosten einer LED-Laterne sind niedriger, sie arbeiten wesentlich störungsärmer als Gaslaternen
Effizientere Lampenkopfgestaltung ermöglicht ein blendungsfreie Beleuchtung
Strombetrieb ist sicherer als Gasbetrieb
Pro Gaslaterne
Angenehm warmes Licht
Hohe Gaslaternendichte Alleinstellungsmerkmal Düsseldorfs
Starke emotionale Wirkung
Gerade in Zeiten schrumpfender Städte sind die beiden letzten Argumente der Gaslicht-Befürworter eigentlich unschlagbar. Die Bevölkerung unserer Großstädte nimmt stetig ab, im Wettbewerb um neue Einwohner setzen die Stadtregierungen neben den traditionellen Instrumenten wie z.B. der Wirtschaftsförderung oder dem Ausbau der Infrastruktur verstärkt auf die Förderung sogenannnter weicher Faktoren (soft skills). Die Stadt wird zu einer Marke aufgebaut (city-branding), sie soll im Vergleich zu anderen Städten einzigartig im positiven Sinne sein, anziehend für neue und identitätsstiftend für die bereits vorhandenen Bewohner werden. Düsseldorfs ausgedehnte Gasbeleuchtung erfüllt alle Bedingungen für solch ein City-Markenzeichen: (fast) einzigartig in seiner Netzausdehnung, angenehm im Erscheinungsbild, beliebt bei den Bürgern.
In Anbetracht der Klimaproblematik haben die LED-Verfechter mit ihren Energiesparlampen bessere Karten; das Bild relativiert sich, wenn man den absoluten Energieverbrauch und Kohlendioxidausstoß der Gaslaternen analysiert: er liegt bezogen auf den Gesamtenergieverbrauch Düsseldorfs im Promillebereich, der Anteil am Kohlendioxidausstoß bei 0,2%.
Ein weiterer Vorteil der LEDs ist die wesentlich größere Lichtausbeute und die Möglichkeit der effektiven Lichtlenkung und -bündelung über moderne Reflektor- und Linsensysteme.**

Die Aufsatz- und Ansatzleuchten aus den 30er Jahren sollen auf LED-Betrieb umgerüstet werden. Abgebildet ist eine Aufsatzleuchte
In diesen Punkten fällt die beliebte Gaslaterne Alt-Düsseldorf aus der Gründerzeit besonders negativ auf: ihre Beleuchtungsstärke ist so niedrig, daß gerade mal der Laternensockel ausreichend erhellt wird. Da der Laternenkopf auf einem recht kurzen Mast sitzt, wird man eigentlich ständig geblendet.
Die Beleuchtungsqualität der Ansatz- und Aufsatzleuchten ist nicht viel besser, lediglich der Blendfaktor ist geringer, da die Laternenköpfe aufgrund ihrer etwas größeren Lichtleistung auf höheren Masten montiert sind.
Das hellste Licht mit dem niedrigsten Blendfaktor strahlen die Reihenleuchten aus den 50ern aus, leider sollen ausgerechnet diese schönen Laternen auf ihren eleganten Peitschenmasten im Rahmen der Umstellung ganz verschwinden.
Auch wenn die LEDs wesentlich effizienter als Gaslaternen arbeiten, halte ich die Umrüstpläne der Stadt für keine gute Idee. Farbtemperatur und Helligkeit der LEDs können noch so perfekt das Gaslicht simulieren, es ist doch nur ein historisierender und falscher Schein ohne Authentizität und emotionale Wirkung. Form und Inhalt müssen zueinander passen, sonst landet man ganz schnell bei solch Grausamkeiten wie dem Braunschweiger Schloß, einer rekonstruierten Schloßfassade mit Kaufhausinnenleben.
Eine LED gehört in moderne, funktionale Strahler und nicht in eine 80 Jahre alte Gaslaterne.
Komplett daneben liegt die Stadt mit ihrer Entscheidung, die Reihenleuchte aus den Fünfzigern vollständig zu demontieren. Das Verschwinden dieser im Stil der Nachkriegsmoderne gestalteten Laterne würde das Gesamtbild der über 100-jährigen Düsseldorfer Gaslaternen-Geschichte um ein wichtiges Element berauben, außerdem passt gerade dieser Laternentyp wunderbar zur ausgedehnten Nachkriegsbebauung Düsseldorfs.
In diesem Zusammenhang muß man die Frage stellen, warum der sogenannnte Ensembleschutz fast ausschließlich auf Straßenzüge, Plätze oder Stadtviertel angewandt wird, deren Bebauung mindestens aus dem vorletzten Jahrhundert stammt; einem Jahrhundert, welches sich überwiegend durch seine eklektizistischen Stilverirrungen und -verwirrungen auszeichnete und solch gestalterisch und funktional fragwürdige Produkte wie z.B. die Gaslaterne Alt-Düsseldorf hervorgebracht hat. Was nicht heißen soll, daß diese Produkte oder Gebäude nicht schützenswert sind, sie besitzen natürlich einen kulturhistorischen und/oder architekturgeschichtlichen Wert. Einen ebensolchen Wert besitzen aber auch die in Düsseldorf reichlich vertretenen Bauten der Nachkriegsmoderne.
Die nachts übrigens besonders schön wirken, wenn sie von Gaslaternen ihrer Generation illuminiert werden.
Da unterstütze ich doch lieber die Initiative Düsseldorfer-Pro-Gaslicht in ihrer Forderung, das Gaslaternennetz vollständig zu erhalten.***
Der schöne Gasschein muß bewahrt werden.
* Viele Mitglieder der Bürgerinitiative Düsseldorfer-Pro-Gaslicht gehören zur düsselDorfprominenz: Die Kunstsammlerin Gabriele Henkel, Tony Cragg, Rektor der Kunstakademie, Kay Lorentz vom Kom(m)ödchen, die Galeristin Julia Stoschek, der Karnevalswagenbauer Jaques Tilly, um nur einige zu nennen.
** Man kann die Lichtwirkung der LED-Laternen live vor dem Aquazoo im Nordpark überprüfen, da hier die Stadt zu Testzwecken 4 LED-Laternen mit unterschiedlichen Leuchtcharakteristika aufgestellt hat.
*** Vertretbar wäre für mich noch der Austausch der Gaslaternen gegen LEDs in eher unbelebten Stadtvierteln wie z.B. Industriegebieten oder auf Parkplätzen. In diesen nächtens ausgestorbenen Stadträumen wiegen die Sicherheitsvorteile einer hellen LED-Beleuchtung bei weitem die gemütliche Atmosphäre des Gaslichts auf.
Links:
Verein ProGaslicht, hier findet man auch die Initiative Düsseldorf Pro Gaslicht: http://www.progaslicht.de/
Pressespiegel Gaslaternen in Deutschland:
http://www.progaslicht.de/Gaslichtstadte/Presselinks/presselinks.html




1 comment
Comments feed for this article
Trackback link
http://www.dazzledorf.net/aktuell/index.php/2009/10/30/den-schein-wahren/trackback/
8. November 2009 at 17:35
Pingback from Düsseldorf/Aktuell · DenkHörmal Kaiserswerther Straße