Düsseldorf/Aktuell


 

Not in our name, Marke Hamburg! oder:
Individuen pro/contra Gemeinschaft

Ende Oktober positionierten sich mehrere Hamburger Stadtteilinitiativen in dem Manifest Not in our name, Marke Hamburg gegen die Instrumentalisierung von Kreativen als wirtschaftsfördernde Maßnahme im Sinne des Ökonomen Richard FloridaStädte ohne Schwule und Rockbands verlieren das ökonomische Wettrennen” durch das Stadtmarketing. Die Kernaussage dieses Manifests lautet wörtlich: “Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen.”

Alles fast richtig, aber gerade der letzte Punkt lädt zum Nachhaken ein. Was ist das, ein Gemeinwesen? Grundsätzlich alle Formen menschlichen Zusammenlebens, die über Mikrogemeinschaften, wie z.B. eine Familie hinausgehen. Also Staaten, Kommunen, Städte, aber auch Königreiche, Diktaturen usw, ganz unabhängig von der Machtverteilung im jeweiligen System.
Ich gehe davon aus, daß die Verfasser des Manifests an dieser wesentlichen Stelle leider falsch oder zumindest sehr unscharf formuliert haben, ansonsten könnte man nämlich alles beim alten belassen, da Hamburg auch in seinem jetzigen, von den Künstlern kritisierten Zustand ungleicher Verhältnisse ein Gemeinwesen ist.
Ist nicht eher eine Gemeinschaftsform gemeint, in dem jedes Mitglied im Rahmen seiner Möglichkeiten ohne Benachteiligung anderer Gruppenmitglieder einen positiven und stabilisierenden Einfluß auf das Kollektiv ausübt, welches im Gegenzug den Gruppenindividuen Sicherheit, Stabilität und Heimat bietet?
Natürlich gibt es in solchen Gemeinschaften immer gegensätzlich agierende Personenkreise, im folgenden stark vereinfacht zusammengefasst in die Gruppe Besitzer (z.B. Grundstückseigentümer, Vermieter) und Besitzlose (z.B. Mieter, Wohlfahrtsabhängige). Koordinierend und vermittelnd müßte eigentlich der dritte Akteur auf der städtischen Bühne, die Stadtverwaltung stehen. Seitdem Unternehmensberatungen städtische Verwaltungen ausschließlich unter marktwirtschaftlichen Maßstäben beurteilen und umstrukturieren, kann man diese ehemals dritte Kraft getrost der Besitzergruppe zuschlagen.

Die populärsten Vorwürfe gegen die Besitzer und Stadtverwaltungen sind hinlänglich bekannt und in gestraffter Form z.B. in diesem Manifest nachzulesen, deshalb richte ich mein Augenmerk auf die wesentlich größere, aber gleichzeitig schwächere Gruppe der Besitzlosen:
Was nehmen und geben wir, die besitzlosen Individuen eigentlich der Stadt?
Der Besitzlose nutzt die wirtschaftliche, kulturelle, soziale und Verkehrsinfrastruktur der Stadt, beschränkt sich beim Geben meistens aber auf möglichst wenig Steuern und Abgaben.
Weil wir (post)moderne Menschen sind, die hemmungslos unseren Individualismus und Egoismus kultivieren, weil wir uns am liebsten blasiert und desinteressiert durch den Stadtraum bewegen und weil uns selbstloses und uneigennütziges Denken und Handeln veraltet und exotisch erscheint.
Wer von uns engagiert sich für die Stadtgemeinschaft über seine persönlichen Interessen hinaus?
Wenige, sehr wenige dürften das sein, dabei ist die Besetzung der mittlerweile vakanten Position des sozial engagierten Akteurs mit dem Ausscheiden der Stadtverwaltung aus lokalen Wohlfahrtsarrangements dringender vonnöten denn je.
Wir können natürlich nicht großflächig neue Wohnungen bauen oder Arbeitsplätze schaffen, aber wir können sofort in und mit unserer Nachbarschaft im kleinen Maßstab Dinge bewegen, Hausgemeinschaften, Stadtteilinitiativen, Kinderbetreuung, Altenversorgung usw.
Aber dafür müßten wir unsere materialistisch und narzisstisch bestimmten Individualinteressen einschränken, müßten auf fremde Menschen zugehen und unsere heißgeliebte Freizeit für affektive Arbeit opfern.

Fällt was auf? Wir, die armen, besitzlosen Stadtbürger unterscheiden uns lediglich in der Geld- und Machtfülle von den reichen Besitzern des städtischen Raums; das materialistisch-individualistische Persönlichkeitsfundament, auf dem sich unsere ichbezogenen, asozialen Handlungsstrukturen aufbauen, haben wir Besitzlosen aber mit den Besitzern gemein.
Auch dieses Manifest hinterläßt leider den Eindruck, daß es den Verfassern -Künstler und Kreative- vornehmlich um die Sicherung und Ausbau ihrer ganz speziellen Individualinteressen geht, auch wenn sie sich als Feigenblatt das Interesse für Belange randständiger Stadtbevölkerungsgruppen umbinden.
Das Feigenblatt fällt allerdings sehr sehr klein aus; gerade eine Handvoll Sätze in dem doch recht umfangreichen Manifest beschäftigen sich mit fehlenden Sozialwohnungen, überzogenen Mieten und Gentrifizierungstendenzen, ansonsten wird seitenweise aus der speziellen Sicht der Kulturschaffenden die Hamburger Kulturpolitik und das Stadtmarketing kritisiert.
So sehr ich mich auch der Kritik an den bestehenden Verhältnissen anschließen kann, so wenig kann ich mir allerdings vorstellen, daß ausgerechnet die Gruppe der Kreativen und Künstler über ihre persönlichen und individuellen Interessen hinaus in der Lage ist, nachhaltig das soziale Klima Hamburgs zu verbessern. Ist es nicht gerade Grundvoraussetzung für einen modernen Künstler, besonders individuell zu sein? Sind Einzelgängertum und Egoismus nicht fundamentale Eigenschaften, um auf dem schwierigen Kunst- und Kulturmarkt bestehen zu können?

Trotz dieser Einwände und Vorbehalte gegen die Initiatoren des Manifests bewerte ich die Aktion schlussendlich positiv, grundsätzlich richtige Kritik an der Stadtpolitik wurde über das Sprachrohr einer sendungsbewußten und mediengewandten Gruppe kommuniziert.

Aber jetzt ist unser aller Engagement gefragt, damit diese Bewegung auf eine breite Basis gestellt wird und nicht Gefahr läuft, nur als Künstler/Kreativlobby zu agieren.

 
Links:

Manifest Not in our name, Marke Hamburg!: http://buback.de/nion/

Gentrification Blog: http://gentrificationblog.wordpress.com/

Ökonom Richard Florida: http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Florida

Floridas Propagandaseite: http://creativeclass.com/