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Learning from Castrop-Rauxel

Es klingt wie ein Projekt aus den autoverrückten 60ern des letzten Jahrhunderts, aus einer Zeit, in der es noch Autowanderkarten gab und man ökologisch unvorbelastet spazierenfuhr, ist aber hochaktueller Bestandteil der Kulturhauptstadt 2010 und wird gerade realisiert: die Parkautobahn A42. Park nicht im Sinne des unfreiwilligen Stauparkens, sondern als bewußt gestalteter Weg zum Lustwandelnfahren durch den Emscher Landschaftspark. Unfreiwillig komisch werden so in der Machbarkeitsstudie seitenlang die optischen Analogien zwischen dem Landschaftspark und dem Schloßpark Sanssouci erzwungen: Wasserachsen im Park Sanssouci mit der begradigten Emscher, der Ruinenberg mit verrosteten Hochöfen, die Kolonnaden des Schloßes mit den Säulengalerien der Emscherbrücken.
Die Parkanlage ist also bereits vorhanden, der Parkweg -die A42- ebenfalls, jetzt muß der Weg nur noch wohlgestalt in diesen Park integriert und gleichzeitig eine vernünftige Aussicht auf den Landschaftspark geschaffen werden.

Die geplanten Maßnahmen (Zitate und Termini aus der Machbarkeitsstudie kursiv markiert):

  • Interventionen an besonderen Orten (sprich Abholzung des vorhandenen Baum- und Strauchbestands*) zur Schaffung von Sichtachsen auf sogenannte Sehenswürdigkeiten, wie z.B. schöne Häuser oder alte Kirchen

  • Einbau von Fenstern in Schallschutzwände, die ebenfalls den Blick auf die sogenannten Sehenswürdigkeiten freigeben

  • Redesign des Straßenbegleitgrüns, auch hier wieder strukturierende Beseitigung des vorhandenen Grüns auf 36000 qm Gesamtfläche und teilweiser Ersatz durch sogenannte Leitbäume.
    Leitbaum ist der Mammutbaum, die ersten wurden letzte Woche gepflanzt
    .

  • Anlage von Parks auf den Grünflächen der Autobahnkreuze, sogenannnte Ohrenparks

  • Parktankstellen, sprich: Rastplätze mit Aussichtsplattformen und Fahrradverleih.

  • Analog zu den Statuen eines klassischen Parks werden an den Autobahnausfahrten Podeste mit thematisch auf den jeweiligen Ort abgestimmten Objekten, so z.B. einem Fußball an der Ausfahrt Schalke, aufgestellt. Außerdem werden Anfang und Ende der A42 jeweils durch ein Parktor - 16 m hohe Stahlkonstruktionen mit aufgepflanzten Bäumen und Windrädern- markiert

  • Farblich einheitlich gestaltete Schallschutzwände und Leitplanken, die die Aufmerksamkeit der Autofahrer vor Ausfahrten erhöhen sollen

Ziel dieser 42 Mio Euro teuren Umgestaltung ist eine zeitgemäße Präsentation des Ruhrgebiets. Die Autofahrer sollen den Kulturraum Ruhrgebiet bewußter wahrnehmen, außerdem soll die Monotonie des Autobahnfahrens über die gegebenen visuellen Reize gebrochen und die Fahrsicherheit erhöht werden.

Die Autobahn soll also im Kulturlandschaftsraum Ruhrgebiet verortet  und somit eine räumliche Beziehung zwischen den Autofahrern und der durchfahrenden Umgebung geschaffen werden.
Und hier wird es schwierig. Autobahnen werden als raumlose Transits wahrgenommen, die lediglich interessante Orte miteinander verbinden. Der allgemeine Sprachgebrauch macht es deutlicher, die Frage nach der Distanz zwischen 2 Städten wird üblicherweise mit der zeitlichen Dimension -also der Fahrdauer- beantwortet, die räumliche Dimension der Streckenlänge kann häufig gar nicht näher beziffert werden. Eine Ausnahme bilden vielleicht noch Urlaubsfahrer, die auch mal nach rechts oder links von der Fahrbahn eine Blick riskieren, der gemeinhin zeitknappe Berufskraftfahrer wird sich kaum noch für die tagtäglich durchquerte Umgebung interessieren, die als einzige Highlights Industrieruinen, alte Kirchen und ein paar schöne Häuser hergibt**.
Ich denke, daß bereits der Ansatz des Projekts, die Analogie Schloßparkweg-Landschaftparkautobahn verkehrt ist, da sich die gefühlte Raum- und Zeitstruktur eines eher “langsamen” klassischen Fußgängerparks von unseren “schnellen”, modernen automobilen Stadt- und Landschaftsräumen eklatant unterscheidet. Zeitgemäßer wäre sicherlich eine Orientierung an aktuellere, auf das Automobil zugeschnittene Raumsysteme gewesen, wie z.B. Las Vegas. So wie das Ruhrgebiet ist auch Las Vegas eine sehr schnell gewachsene Raumstruktur in einem ehemaligen Niemandsland. Allerdings wuchs Las Vegas parallel mit dem Autoboom in den USA und konnte sich deshalb bestens den Bedürfnissen des automobilen Flaneurs anpassen. Diese Anpassung und Ausrichtung der Stadt auf den Autofahrer wurde in den 60ern eingehend von den Architekten Robert Venturi, Denise Scott Brown et al in dem hochinteressanten Buch “Learning from Las Vegas” analysiert und interpretiert.
Kurz zusammengefasst beschreibt das Buch eine urbane Raumstruktur aus vornehmlich architektonisch einfachsten Gebäuden, welche über ihre Dekorationen -Neonreklame, Werbetafeln, Symbole- um die Aufmerksamkeit der ausnahmslos motorisierten Flaneure konkurrieren. Sowohl in ihrer Größe als auch in ihrer Ausrichtung sind diese Zeichen perfekt auf den Strip -die Hauptverkehrstraße Las Vegas- ausgerichtet.

Learning from Castrop-Rauxel

Vertane Chance: So schön und trendsetzend hätte die A42 werden können!

Und hier könnte das Ruhrgebiet den Amis noch etwas vormachen: anstatt die Neonwerbung auf eine Straße zu beschränken, könnte man mit gigantischen illuminierten Reklametürmen ungeahnten Ausmaßes ganze Städte entlang der A42 bewerben oder Autofahrer über die neuesten Events und Konsumangebote der Region informieren; mit 42 Mio € hätte man da schon eine Menge auf die Beine stellen können. Außerdem wäre keinem einzigen lärm- und sichtschützenden Baum oder Strauch entlang der A42 ein Ast gekrümmt worden, ortsansäßige Werbeunternehmen, Bau- und Elektrofirmen hätten über Jahre hinweg volle Auftragsbücher und der eine oder andere Autofahrer würde tatsächlich den Werbeaufrufen folgend die Autobahn verlassen.
Und auf dem Weg von der Autobahnausfahrt zum Konsumtempel könnte er sich nebenbei in aller Ruhe noch alte Kirchen und schöne Häuser aus der Nähe angucken.

*Die Rodung des lärm- und sichtschützenden Straßenbegleitgrüns ist den Autobahnanliegern schwer bzw gar nicht zu vermitteln. Die Leserkommentare der Presseartikel zu dem Thema bewerten die Parkautobahn fast ausschließlich negativ. Auch die Resonanz der lokalpolitischen Akteure des Ruhrgebiets ist überwiegend ablehnend, siehe http://www.derwesten.de/suche/?s=dd&q=parkautobahn

**Das Interesse an alten Kirchen oder schönen Häusern hält sich nicht nur im Ruhrgebiet, sondern allgemein doch sehr in Grenzen, wenn die alte Kirche nicht gerade der Kölner Dom ist oder die schönen Häuser Spektakelgebäude von Gehry, Libeskind und Co sind.

 
Links:

Parkautobahn A42:
http://www.essen-fuer-das-ruhrgebiet.ruhr2010.de/programm/metropole-gestalten/baukultur/parkautobahn-a42.html

Machbarkeitsstudie der Parkautobahn:
http://www.bl-nord.de/files/blfiles/a42/2701__A_42_Machbarkeitsstudie.pdf

Bericht des WDR-Magazins Westpol vom 17.05.09 über die Parkautobahn:
http://www.wdr.de/themen/global/webmedia/webtv/getwebtvextrakt.phtml?p=10&b=227&ex=6

BUND.NRW steigt aus Beratungen aus:
http://www.bund-nrw.de/index.php?id=3378&tx_ttnews[tt_news]=12486&tx_ttnews[backPid]=3347

Visionär oder absurd, Stimmungsbilder über die Parkautobahn:
http://www.derwesten.de/staedte/herne/Visionaer-oder-absurd-id58821.html

Straßen.NRW, Mammutbaum wird Leitbaum:
http://www.strassen.nrw.de/thema/ruhr.2010/parkautobahn-a42/leitbaum.html

Bericht über die Pflanzung der ersten Mammutbäume:
http://www.derwesten.de/staedte/castrop-rauxel/Der-erste-Mammutbaum-an-der-A42-ist-gesetzt-id2408874.html

 
Literatur:

Learning from Las Vegas, Robert Venturi, Denise S. Brown, Steven Izenour:
http://www.birkhauser-architecture.com/#2222190

The View from the Road, Donald Appleyard, John Myer, Kevin Lynch (leider vergriffen):
http://urbantick.blogspot.com/2009/12/view-from-road.html