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Rotterdam ist Phantom City ist Alphaville ist hier

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Rotterdam 1940

Vor 70 Jahren wurden Zentrum und Hafen Rotterdams durch schwere Bombardements der deutschen Luftwaffe nahezu dem Erdboden gleichgemacht. Dieser und weitere Luftangriffe in den folgenden Kriegsjahren zerstörten Rotterdam so ausführlich, daß sich die Stadtverwaltung nach dem Kriege anstatt für einen Wiederaufbau ehemaliger Strukturen für einen totalen städtebaulichen Neubeginn entschied. Grundbesitzer im Zentrum wurden gegen Entschädigung enteignet, der Stadtraum neu parzelliert und sogar die gesamte unterirdische Versorgungsinfrastruktur, wie z.B. Abwasserkanäle, Strom- und Wasserleitungen wurden neu verlegt.
Oberirdisch orientierte sich der Aufbau an den Prämissen der modernen Stadtplanung mit seiner räumlichen Trennung funktionaler Einheiten: die Banken und Verwaltungsgebäude wurden in der City rund um die Börse angesiedelt, der Hafen westlich Richtung Rheinmündung verlagert und die Wohngebiete an den Stadtrand verlegt. Allerdings kam es in den Achtzigern nach der unvermeidlichen Verödung der Innenstadt aufgrund fehlender Bewohner zu einem Strategiewechsel in der Stadtplanung. Die strenge Funktionstrennung innerhalb des Stadtraums wurde aufgehoben und zur Belebung der vewaisten Innenstadt wurden touristische sowie kulturelle Zentren und Wohngebiete im Stadtzentrum errichtet.
Das heutige Stadtbild ist geprägt von Gebäuden der Nachkriegsmoderne, der Postmoderne und aktueller Architektur. Rotterdam hat sich zu einem Zentrum und Labor der zeitgenössischen europäischen Architektur entwickelt, nicht zuletzt durch die Ansiedlung des NAi (Nederlands Architectuurinstituut), des Berlage-Instituts und namhafter Architekturbüros wie z.B. OMA oder MVRDV.
Dementsprechend verbindet das öffentliche Bewußtsein mit Rotterdam das Image einer modernen und lebendigen Großstadt. Dieses Stadtimage ist geprägt von einer blitzenden Wolkenkratzer-Skyline, spektakulärer Architektur und dem hochtechnisiertem und größten Seehafen Europas.

Phantom City, Kim Bouvy 2010

Phantom City von Kim Bouvy

Ganz anders Kim Bouvys Bild Rotterdams in ihrem neuen Buch Phantom City. Auf über 270 Seiten zeichnet sie mit ihren eigenen Schwarzweißfotografien aus den letzten 6 Jahren und alten, “gefundenen” Zeitungsfotos ein düsteres und befremdendes Bild der Stadt.
Ihre fotografische Erkundung Rotterdams beschränkt sich auf einen relativ kleinen Innenstadtbereich, den sie allerdings sehr gründlich dokumentiert. So kehrt sie immer wieder zu bestimmten Orten zurück und fotografiert diese Szenerien aus unterschiedlichen Perspektiven oder bei verschiedenen Lichtstimmungen.
Ihr Sujet ist im Gegensatz zu üblichen fotografischen Stadtportraits, die vornehmlich auf Gebäude und Sehenswürdigkeiten fokussieren, der Stadtzwischenraum, der menschliche Bewegungsraum zwischen den monolithischen Gebäuden der Moderne. Diese Architektur ist auf den Bildern zwar immer präsent, wird aber nicht wie auf den gängigen Stadtportraitfotos zum Hauptdarsteller und dient lediglich als Kulisse für meist unbespielte Straßen- und Platzszenerien. Nur selten treten Menschen als Akteure auf diesen Bühnen auf, aber immer wirken sie wie hilflose Statisten vor zu groß dimensionierten Kulissen.
Kim Bouvys Bildgestaltung ist nicht Sklave der strengen und geometrischen Ästhetik moderner Bauweise, so wie es heute in der Architektur- oder Stadtlandschaftsfotografie allgemein üblich ist. Hier wird die Kamera nicht exakt an der Architektur ausgerichtet, stürzende Linien nicht parallelisiert; das Bild wird nicht -zumindest nicht offensichtlich- kontrolliert und konstruiert, sondern eher beiläufig durch den flanierenden Fotografen mitgenommen. Nicht die Gebäude bestimmen mehr das Bild, sondern der Fotograf, der unkalkulierbare Mensch mit seiner Spontaneität, seinen Emotionen und seinen Fehlern.

Eigentlich zeigen uns diese Bilder nichts Neues oder Außergewöhnliches, wir alle sind mit solchen Szenerien aus den Großstädten Nachkriegseuropas vertraut. Aber Kim Bouvys Bildästhetik entreißt diese Stadträume ihrer unbeachteten Alltäglichkeit und verleiht ihnen eine merkwürdige Präsenz. Eine Präsenz, die zur intensiven Beschäftigung mit dem Dargestellten zwingt und den Stumpfsinn und Menschenfeindlichkeit, die Ort-, Zeit- und Geschichtslosigkeit dieser Räume offenbart und beim Betrachter ein Gefühl der Befremdung hinterläßt.*

Kim Bouvy präsentiert in Phantom City eine sehr erfrischende und nachdenklich stimmende Sichtweise auf unsere Städte. Besonders Anhänger der Zollstock-im-Arsch-New-Topographics-Fotografie** sollten dieses Buch kaufen. Und alle anderen auch, es ist unbedingt empfehlenswert.




*Eine ganz ähnliche ver- und befremdende Wirkung erzielte Jean-Luc Godard übrigens 1965 in seinem Film Alphaville. Die dystopische Zukunftsstadt Alphaville im Zentrum der Galaxis wirkt entfernt und fremdartig, ist aber das Paris der 60er Jahre. Und genau wie Eddie Constantine in der Rolle des Geheimagenten aus der Außenwelt Lemmy Caution als einzig normaler, emotionaler Mensch in der kalten, gefühllosen, von Maschinenmenschen bevölkerten Zukunftsstadt wild um sich ballert, schießt Kim Bouvy mit ihrer Kamera in Rotterdam die Häuser ab.

**intertextuelles Zitat: Haiko Hebig




PHANTOM CITY - A Photo Novel from Kim Bouvy
276 Seiten
offset
Soft cover, otabind
19×12 cm





Links:

Kim Bouvy: www.kimbouvy.com

Nederlands Architectuurinstituut (NAi): www.nai.nl

Berlage-Institut: www.berlage-institute.nl

Office for Metropolitan Architecture (OMA), Rem Kolhaas: www.oma.nl

MVRDV: www.mvrdv.nl

Alphaville (une étrange aventure de Lemmy Caution) von Jean-Luc Godard: www.artfilm.ch/alphaville.php

Die passende Musik zum Buch, ein einstündiger Sampler aus der Alphaville-Filmmusik, Textpassagen und elektronischen Musikschnipseln: http://alphavillefm.blogspot.com/