Düsseldorf/Aktuell


 

Die autogerechte Stadt Düsseldorf

Areal des Derendorfer Güterbahnhofs 1

Areal des Derendorfer Güterbahnhofs 1, 2006

Seit 1846 wird die Düsseldorfer Innenstadt von einer der meistbefahrenen Nord-Süd-Eisenbahnverbindungen Deutschlands, der Strecke Duisburg-Köln1 zerschnitten. Nördlich und südlich des zentral gelegenen Düsseldorfer Hauptbahnhofs schließen sich mehrere hundert Meter lange und recht breite Güterbahnhofareale an, die die Trennung der westlichen und östlichen Stadthälften noch verstärken.

Der nördlich gelegene Derendorfer Güterbahnhof wurde vor mehreren Jahren stillgelegt, das 35 ha große Gebiet soll nun multifunktional bebaut2 und genutzt werden, d.h. Bürogebäude wechseln sich mit Wohnbauten ab und werden durch Parkanlagen aufgelockert.

So weit, so gut, nach mehreren Jahrzehnten der Trennung könnten nun theoretisch zwei voneinander isolierte Wohngebiete -das westlich gelegene Pempelfort und das östliche Düsseltal- zusammenwachsen.

Areal des Derendorfer Güterbahnhofs 2, 2006

Wäre da nicht die sechsspurige Bahntrasse am östlichen Rand des Areals. Und die zusätzlich geplante vierspurige “Entlastungsstraße3 entlang dieser Bahntrasse. Ja richtig gelesen, in bester Tammsscher4 Städtebautradition der Nachkriegsmoderne ist nämlich eine voraussichtlich sehr stark befahrene Hauptverkehrsstraße Belastungsstraße Entlastungsstraße*5 geplant, die kilometerlang durch neue und alte Wohngebiete führt und von einer 5m hohen Lärmschutzmauer (zwischen der Straße und den Bahngleisen!) resp. 8m hohem Lärmschutzwall gesäumt werden soll.

Düsseldorf ist eine der wenigen deutschen Städte, deren Einwohnerzahl stetig zunimmt. Die Stadt ist aufgrund ihrer Verkehrslage und des kulturellen und konsumtiven Angebots für Firmen und ihre Mitarbeiter attraktiv. Viele dieser Zuzügler gehören einer besser verdienenden Schicht an, dementsprechend exklusiv sind die bereits errichteten und projektierten großflächigen Wohnungsneubauten auf brachliegenden Arealen, so auch auf dem Gelände des Derendorfer Güterbahnhofs6. Absolut unerklärlich für mich und wahrscheinlich auch für die neuen Mieter und Eigentümer auf diesem stadträumlichen Sahnestück ist allerdings die geplante Wertminderung der Wohnqualität durch eine vierspurige Hauptverkehrstraße.

Nördliche Zufahrt zum Rheinufertunnel, 2008

Nördliche Zufahrt zum Rheinufertunnel, 2008

Man hätte die Attraktivität und die Integration dieses Areals an die östlichen Stadtteile sogar durch eine Versenkung der Bahntrasse in einen Tunnel erheblich steigern können, vergleichbar mit der Verlegung der Rheinuferstraße in den Rheinufertunnel7 Anfang der 90er Jahre zwischen Altstadt und Rheinufer. Damals wurde die räumliche Trennung der Altstadt und der Carlstadt vom Rhein durch die stark befahrene Rheinuferstraße aufgehoben und stattdessen eine prächtige Flaniermeile und Parklandschaft geschaffen.

Paradoxerweise wird momentan auf der Prestigebaustelle Kö-Bogen8,9 im Düsseldorfer Zentrum eine Hochstraße unter die Erde gelegt, die eigentlich niemanden stört, da in diesem Geschäftsviertel fast kein Mensch wohnt.

Tausendfüßler, 2010

Tausendfüßler, 2010

Düsseldorf will sich in seinem touristisch stark frequentierten Zentrum den Anschein einer zeitgemäßen, autofreien Stadt zulegen und opfert dafür symbolisch sein Wahrzeichen der autofreundlichen Nachkriegsmoderne, die denkmalgeschützte und bei den Düsseldorfern beliebte Hochstraße “Tausendfüßler10.

Aber solange in Düsseldorf vierspurige Hauptverkehrsstraßen durch Wohngebiete geführt werden, solange Parkplätze durch die Verkleinerung von Bürgersteigen11,12 geschaffen werden und es gefährliche kombinierte Rad/Fußwege gibt, bleibt dieser Abriß der Hochstraße nur Makulatur und Düsseldorf bewegt sich weiterhin auf dem Irrweg der autogerechten Stadt13,14.

*Zu Beginn der Planungen im Jahre 2000 war von einer Entlastungsstraße keine Rede. Der in einem Werkstattverfahren mit Architekten, Stadtplanern und hoher Bürgerbeteiligung erarbeitete Entwurf verwarf die damals bereits diskutierte Idee einer Entlastungsstraße. 3 Jahre später wurde dieser Werkstattentwurf im Bebauungsplan der Stadtverwaltung in keinster Weise berücksichtigt, hier war die Entlastungsstraße als Planungsziel festgeschrieben.

Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Köln–Duisburg
http://www.duesseldorf.de/planung/rahmplan/gbfderendorf/index.shtml
http://de.wikipedia.org/wiki/Entlastungsstraße_Derendorf
http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Tamms
http://www.kammerevert.eu/meldungen/17896/71643/Entlastungsstrasse-in-Derendorf-ist-und-bleibt-verkehrspolitischer-Unsinn.html
http://www.derwesten.de/staedte/duesseldorf/Ein-neues-Viertel-fuer-Besserverdiener-id130306.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinufertunnel_(Düsseldorf)
http://www.duesseldorf.de/koebogen/projekt/vision/3_koe_hofgarten.shtml
http://www.duesseldorf.de/koebogen/projekt/vision/1_verkehr.shtml
10 http://www.dazzledorf.net/aktuell/index.php/2009/09/14/tausendfusler/
11 http://www.rp-online.de/duesseldorf/duesseldorf-stadt/nachrichten/Stadt-schafft-2400-neue-Parkplaetze_aid_793791.html
12 http://www.rp-online.de/public/download/aktuelles/download/HBEQD75M.pdf
13 http://de.wikipedia.org/wiki/Autogerechte_Stadt
14 http://homepage.ruhr-uni-bochum.de/frank.braechter/Deutsch/Studium/Geo/HA-SBuVI-FB.pdf

Bilder des Derendorfer Güterbahnhofgeländes von 2006 vor der Bebauung: http://www.dazzledorf.net/search.php?search_keywords=gueterbahnhofgelaende

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