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Wundertüte

Auf der Suche nach einer Teleoptik stieß ich bei meinen Internetrecherchen immer wieder auf eine Optik mit dem schönen Namen “Wundertüte”. Geprägt wurde dieser Begriff in den 80er Jahren von Walter E. Schön, Objektivtester der Zeitschrift Colorfoto, der diesem Objektiv im Rahmen eines Vergleichstests eine sehr gute Qualität für einen minimalen Preis bescheinigte.
Die Wundertüte, ein f8.0 500mm Refraktor mit 4 Linsen, kann man nach nunmehr 30 Jahren in etwas veränderter Bauform immer noch neu unter den verschiedensten Handelsnamen kaufen. Früher als Beroflex bekannt, wird die koreanische Optik aus dem Hause Samyang heute unter den Namen Hanimex, Walimex, Danubia usw vertrieben. Die Preise bewegen sich zwischen 20€ für ein gebrauchtes bis 150€ für ein neues Exemplar inklusive Kameraadapter (Stand: Februar 2012).

Getestet habe ich die Abbildungsleistung des Objektivs unter Praxisbedingungen bei Tageslicht, außerdem die softwareseitige Korrektur der Farbfehler. Alle Aufnahmen wurden mit einer Nikon D5100 und dem Walimex 8.0 500mm neuer Bauart (67mm Frontlinsendurchmesser) erstellt. Montiert wurde die Optik auf einem schweren Manfrotto-Triman-Stativ, dazu später mehr.

 
Schärfeleistung bei verschiedenen Blenden
Bereits bei offener Blende (f8.0) zeigt die Optik eine gute Schärfe über den gesamten Bildbereich, der Schärfeabfall an den Rändern ist minimal.
Die größte Schärfe wird bei f11 bis f16 erzielt, f22 zeigt eine beugungsbedingte leichte Unschärfe, f32 ist nicht mehr zu gebrauchen.

 
Farbfehler
Bei Blende 8 bis 11 zeigen sich über das gesamte Bildfeld an Kontrastkanten ausgeprägte lila Farbsäume, die ab f16 stark zurückgehen und bei f22 fast verschwunden sind.
Ebenfalls auftretende Überstrahlungen an Kontrastkanten werden durch eine Verkleinerung der Blendenöffnung nicht beseitigt.
Auch Punktlichtquellen auf Nachtaufnahmen weisen Farbsäume in den Farben lila, grün, gelb und rot auf, außerdem Überstrahlungen.

 
Korrektur der Farbfehler mit Lightroom
Die Korrektur der chromatischen Aberrationen und der Farbsäume mit Lightroom ist recht einfach und wirkungsvoll. Die auf meinem Testbild angegebenen Einstellungen sollten allerdings nicht ungeprüft übernommen werden, abhängig von Arbeitsblende und Motiv können die Werte stark schwanken. Zur Beseitigung der lila Farbsäume hat sich neben den Einstellungen für Rot/Cyan und Blau/Gelb unter Entwickeln/Objektivkorrekturen/Chromatische Aberration auch eine Sättigungsminderung der Farbe Lila unter Entwickeln/Farbe bewährt.

 
Verzeichnung und Vignettierung
Sowohl Verzeichnung als auch Vignettierung der Wundertüte sind auf einem APS-C Sensor so minimal, daß ich sie nicht weiter untersucht habe.

 
Streulicht
Das Objektiv besitzt leider keine Streulichtblende, eine selbstgebaute Röhre aus schwarzem Karton, die man über den Objektivtubus stülpt, sieht zwar nicht so schick aus, erfüllt aber auch seinen Zweck. Streulichteinflüsse habe ich ebenfalls nicht untersucht.

 
Handhabung
Nicht unproblematisch ist die Handhabung dieses lichtschwachen Teleobjektivs. Ohne stabile Montierung geht nichts, die geringsten Erschütterungen durch z.B. Wind lassen die Bilder verwackeln. Auch die Scharfstellung des Motivs ist nicht ganz einfach, hier bewährt sich Live-View mit Zoomvergrößerung. Außerdem muß man die Kamera über eine Fernbedienung oder notfalls mit dem Selbstauslöser auslösen, da der Fingerdruck auf den Auslöser das Bild garantiert verwackeln würde. Eine Spiegelvorauslösung hat im Test überraschenderweise keinen Einfluß auf die Schärfe gezeigt, siehe Testbild. Nie sollte man allerdings das Objektiv über die Stativschelle mit dem Stativ verbinden, da der Spiegelschlag einer DSLR das System in Schwingung versetzt und die Aufnahme verwackelt, siehe Beispielbild. Die Montierung des Systems über das Kameragewinde stellt kein Problem dar, weil das sehr leichte Objektiv mit seinen 640g den Bajonettanschluß der Kamera nicht stark belastet.

 
Resümee
Alles in allem kriegt man für sehr wenig Geld eine recht leistungsfähige Optik, die aber nicht einfach zu handhaben ist. Die höchste Schärfe, leider verbunden mit starken Farbfehlern, erzielt die Wundertüte bei f11. Bei f16 weist das Bild immer noch eine gute bis sehr gute Schärfe auf, allerdings werden die bei offener Blende auftretenden starken Farbfehler auf ein erträgliches Maß reduziert, die man mittels Bildbearbeitung weitestgehend eliminieren kann.

Sport- oder Tierfotografen sollten Abstand von der Wundertüte nehmen und sich lichtstärkeren Optiken mit Autofokus zuwenden. Allen, die Spaß am Experimentieren mit extremen Bildwinkeln haben und ausreichend Geduld mitbringen, kann ich dieses Objektiv wärmstens empfehlen.

 
Links
Hersteller Samyang:
http://www.syopt.co.kr/eng/product/manual_zoom_500preset.asp

Vertrieb Walimex:
http://www.walimex.com/nc/foto/produkt/12728

Foreneintrag des Objektivtesters Walter E. Schön zur Abbildungsleistung der Wundertüte:
http://forum.astronomie.de/phpapps/ubbthreads/ubbthreads.php/topics/213719/

 
Testbilder (Anklicken zur Vollansicht)

Verkleinerte Übersichtsaufnahme mit 50mm und Testaufnahme mit 500mm

Verkleinerte Übersichtsaufnahme mit 50mm und Testaufnahme mit 500mm

1:1 Ausschnitt Zentralbereich

1:1 Ausschnitt Zentralbereich

1:1 Ausschnitt Randbereich

1:1 Ausschnitt Randbereich

Farbfehlerkorrektur mit Lightroom

Farbfehlerkorrektur mit Lightroom

Verwackelungstest der Wundertüte

Verwackelungstest der Wundertüte

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