Annette Emdes Dissertation über Thomas Struths Stadtfotos gliedert sich im wesentlichen in 2 größere Abschnitte:
Im ersten Hauptteil wird neben des Versuchs ihrer Begriffsbestimmung der Funktionswandel der Architekturfotografie vom reinen Dokumentationswerkzeug zum Ausdrucksmittel der künstlerischen Reflexion über die an Architektur ablesbaren gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet.
Im bedeutend umfangreicheren zweiten Hauptteil werden Struths Stadtfotos aus dem Zeitraum 1977-2001 thematisch und formal untergliedert und anhand vieler Beispiele Bezüge zur klassischen Architektur- und Vedutenmalerei, aber auch zu anderen zeitgenössischen Kunstfotografen, wie Beat Streuli, Jeff Wall oder Andreas Gursky, gebildet. Ein kurzer Exkurs zu Struths Museumsbildern schließt sich an.
Neben diesen beiden Hauptteilen findet man noch ein umfangreiches Quellenverzeichnis und zwei bislang noch nicht veröffentlichte Interviews der Autorin mit Thomas Struth aus den Jahren 1998 und 2003; außerdem in der Einleitung einen kurzen Überblick über Thomas Struths fotografischen Werdegang.
Insgesamt betrachtet ergibt sich ein recht ordenlicher Eindruck, der geprägt ist von zahllosen, sehr häufig von der Autorin unkommentierten Zitaten.
Schön und größtenteils nachvollziehbar sind die vergleichenden Betrachtungen formaler Aspekte zwischen Struths Bildern und Beispielen aus der klassischen Malerei oder Werken anderer Fotografen.
Auch Struths Hauptintention in der Stadtfotografie, die Suche nach den unbewußten und den prototypischen Orten, wird ausführlichst herausgearbeitet und durch die beiden Interviews zusätzlich belegt.
Das Bild wird ein wenig getrübt durch häufige Wiederholungen “Anders gesagt…” und teilweise sehr sehr leeren Satzhülsen: “…Struth sei ein kritischer Künstler, der zugleich auch ganz und gar unkritisch betrachtet werden könnte.” oder “Struth zeigt Orte innerhalb einer Welt von Ähnlichkeiten, aber auch Unterschieden”.
Ärgerlich ist die in der Beurteilung von Stadtfotos auch bei anderen Autoren immer wiederkehrende Interpretation der Menschenleere auf den Stadtansichten. Diese Interpretationen suggerieren eine absichtliche Ausblendung der Menschen durch den Fotografen, um eine zuerst von Walter Benjamin in Worte gefasste, sogenannte “Konvention” der dokumentarischen (Stadt)fotografie zu erfüllen: “Wo aber der Mensch aus der Fotografie sich zurückzieht, da tritt erstmals der Ausstellungswert dem Kultwert überlegen entgegen”.
Meiner Meinung nach unterliegt die Menschenleere auf Struths oder anderen Stadtlandschaftbildern in den meisten Fällen nicht dieser Konvention, sondern der Realität. Abgesehen von Einkaufsstraßen, Nahverkehrsknotenpunkten oder touristischen Sehenswürdigkeiten trifft man im öffentlichen Raum kaum auf Fußgänger. Das Leben in unseren Städten findet vorherrschend in den nicht öffentlichen Räumen wie Wohnungen, Büros, Schulen statt; zwischen diesen Räumen bewegt sich der Mensch heutzutage überwiegend in seinen kleinen, mobilen Privaträumen: den Autos.
Menschenleere Stadtansichten finde ich nicht weiter bemerkenswert, wirklich verblüffend wären autofreie Stadtansichten.
Kay
Thomas Struth - Stadt- und Straßenbilder, Annette Emde, Jonas-Verlag 2008






